Integrierter Musikzug Baden-Württemberg (IMBW)

Einen sehr aktuellen Beitrag zum Thema Bildungspolitik hat jetzt der Musikpädagoge Romuald Noll vorgestellt. Wir berichten ausführlich im tonkünstler-forum #91 darüber. Der Originalartikel ist auch online gestellt, dazu Hintergrunddokumente und ein Forum für alle, die sich zu diesem Thema äußern wollen und Impulse zur Weiterentwicklung geben können.
Zum Bereich IMBW

Ein Lösungsvorschlag zur Ganztagesschulproblematik

Artikel im tonkünstler-forum Nr. 91:
„Unter der Rubrik „Stringendo – Themen im Brennpunkt“ widmen wir uns in loser Folge drängenden Themen, die dem Tonkünstlerverband und seinen Mitgliedern auf den Nägeln brennen. In diesem Heft geht es um das strittige Thema Bildungspolitik, namentlich die Frage, wie sich Ganztagesschule und G8 mit außerschulischem Vokal- und Instrumentalunterricht vereinbaren lassen. Der Pianist und Klavierpädagoge Romuald Noll, Vorsitzender des Regionalverbandes Esslingen, stellt ein Konzept vor, mit dem es funktionieren könnte. 

Ausgangspunkt

In einer sich verändernden Bildungslandschaft ist die Entwicklung hin zur Ganztagesschule längst unumkehrbar. Es müsste daher das Ziel aller musikpädagogischen Verbände und Einrichtungen und natürlich auch der Schulmusik sein, Schulter an Schulter dafür einzutreten, die Errungenschaften der außerschulischen Bildung in diesem System zu verankern. Dabei sollte das anzustrebende Ideal die offene Bürgerschule sein, in der die erreichten Standards der außerschulischen Bildung – und hier ist durchaus nicht nur die musikalische gemeint – unter dem Dach der Schule zu einem befruchtenden Ganzen zusammenfinden, wobei die außerschulisch wirkenden Pädagogen und Einrichtungen in ihrer Individualität erhalten bleiben müssen, denn sie garantieren Qualität und fördern Persönlichkeitsbildung und Integration in einem Maße, welches die öffentliche Schule allein nicht leisten kann.

Ganztagesschule als Zweiklassengesellschaft?

Wird aber die Ganztagesschule und insbesondere die Gebundene Ganztagesgrundschule (GTS) so umgesetzt, dass Schüler dieser Schulform keinen Zugang zu hochwertigen musisch-kreativen Bildungsangeboten erhalten, würden zunächst bildungsorientierte Kreise der GTS fernbleiben, wo immer es in ihren Möglichkeiten steht. Leider definiert die Stadt Stuttgart zur Zeit in ihrem Internetauftritt ihre Version von GTS in diese exklusive Richtung, die sie bis 2020 verbindlich umsetzen möchte. Drastisch formuliert darf hier von 8 bis 16 Uhr keiner raus, aber auch keiner rein, jedenfalls nicht, wenn er sich einem musikalischen Bildungsauftrag verpflichtet weiß, was nicht mit Betreuung zu verwechseln ist. In der GTS nach diesem Modell wäre damit schon einmal ein wichtiges Grundanliegen der Ganztagesschule, nämlich das Aufbrechen von Bildungsschranken, gründlich verfehlt, denn die Kinder einer solchen Einrichtung wären ja gegenüber anderen Kindern in offeneren Systemen klar benachteiligt. Kinder dieser Schulform sind es dann offensichtlich nicht wert, mit instrumentaler Bildung in Kontakt zu kommen, erst ab 16 Uhr ...

Tsunami kultureller Zerstörung

Das Schreckensszenario, welches eintreten würde, wenn Schulen dieser Couleur in großem Stil durchgesetzt würden (und man tut hier was man kann, indem man andere Schulformen gezielt schlechter ausstattet), braucht an dieser Stelle nicht länger ausgeführt werden. Zunächst würde der musikpädagogische Sektor zusammenbrechen. Seit Jahrhunderten gültige Bildungstraditionen wären gekappt und das Musikland Baden-Württemberg Geschichte. Nach dem Erliegen der öffentlichen und privaten Musikerziehung würde der Tsunami der kulturellen Zerstörung die Musikhochschulen, die Opernhäuser und Orchester erreichen. An Musikhochschulen schrieben sich dann ausschließlich ausländische Studenten ein, in Folge davon würde sich die öffentliche Hand alsbald vollständig aus der Hochschulfinanzierung zurückziehen. Unsere dann durchweg mit Musikern besetzten Orchester, die nicht im Lande der Dichter und Denker ausgebildet wurden, könnten sich noch zum Proben verabreden, aber wer käme dann in ihre Konzerte? Gelingende Instrumentalpädagogik schafft ja auch eine musikalische Kultur, in der das verstehende Hören herangebildet und genährt wird. Dieses Hören ist eine „conditio sine qua non“: ohne Hören keine Musik.

Lösungsvorschlag

Angesichts dieser Krisensituation stellten wir - das sind Ekkehard Hessenbruch, stellvertretender Präsident des DTKV, Jutta Palzhoff und Uta Haffner, Vorsitzende und Stellvertreterin des Landesmusikschulbeirats der öffentlichen Musikschulen, und meine Wenigkeit - auf Einladung des Kultusministeriums im Rahmen des 12. Landeskongresses Musik in Baden-Württemberg ein gemeinsam erarbeitetes Konzept vor, das die Möglichkeit eröffnen würde, innerhalb der Ganztagesschule, aber auch in jeder anderen Schulform Instrumentalpädagogik ins Zentrum des schulischen Lebens zu stellen und nicht nur vollgültig zu erhalten, sondern möglicherweise neue Horizonte zu erschließen. Ein geeigneter Name für diesen Bildungsweg wäre aus unserer Sicht „Integrierter Musikzug Baden-Württemberg“ (IMBW). Dieser IMBW ist als ein Modulsystem konzipiert und in grafischer Darstellung unter "IMBW Dokumente" zu finden. (Hierbei haben wir ein vereinfachtes Modell und das Autorenmodell ins Netz gestellt) 

Was ist IMBW

Die Grundidee ist nun die eines Musikzuges, der von der ersten Grundschulklasse an frei gewählt werden kann, analog zu dem bereits in der Oberstufe mit Musikprofil bewährten Modell. Durch die Organisation in einem Modulsystem lässt sich dieser Zug in allen Altersstufen jedes Schultyps installieren, also auch den Bedürfnissen von Real- oder der geforderten Individualisierung von Gemeinschaftsschulen anpassen. Wer IMBW wählt, erhält im Gegenzug von der Schule Befreiung von Betreuungsstunden und die Möglichkeit, die Schule zum Unterricht oder zu anderen musikalischen Aktivitäten zu verlassen. Auf diese Weise könnten zum Beispiel im Grundschulbereich bis zu vier Stunden täglich gewonnen werden!

Benotung als Aufwertung und rechtlicher Schutz

Natürlich ist das musikalische Niveau in Baden-Württemberg bisher ohne Benotung erreicht worden. Wir brauchten dieses Mittel nicht. Nun wäre es aber der große Wurf, wenn Schülerinnen und Schüler ihre musikalisch erbrachten Leistungen zeugnisrelevant in ihre Musiknote einbringen könnten, wobei hier der Maßstab natürlich so anzu- legen wäre, dass grundsätzlich jedes musikalische Bemühen zu einer hervorragenden Wertung führen kann. Leistungen auf dem Regionalniveau von Jugend musiziert wären also weit über einer Note „Sehr gut“ einzuordnen. Ebenso wäre die Leistung jedes Kindes, das in einem Orchester oder Ensemble mitwirkt, mit „Sehr gut“ zu bewerten. Insgesamt müsste der Bewertungsmaßstab so justiert werden, dass die Musiknote durch den Instrumentalbeitrag nur verbessert werden kann. Durch die Benotung würde der Raum für die Musikausübung unserer Kinder rechtlich ein für alle Mal geschützt. Die Möglichkeit der Benotung wäre auch ein Zeichen, um deutlich zu machen, dass eine instrumentale Musikausbildung in Baden-Württemberg für unzählige Menschen längst zu einem zentralen Anliegen ihrer Bildungsvorstellung geworden ist. Diese darf nicht ständig unter den verschiedensten Vorwänden immer wieder neu zur Disposition gestellt werden. Auch eine dringend erforderliche Aufwertung des künstlerisch-musikpädagogischen Berufes wäre damit verbunden. Wie bereits im bestehenden Musikprofil der Oberstufe würde die Benotung durch den Musiklehrer, nicht durch den Instrumentallehrer erfolgen.

Alternative zur Benotung

Bisher konnte noch kein Alternativvorschlag auf den Tisch gelegt werden, wie ein geschützter Raum für unsere musizierenden Kinder auf andere Weise sichergestellt werden könnte. Das Musikland Baden-Württemberg lediglich dem guten Willen einiger Schulleiter zu überlassen, wäre dem erreichten kulturellen Standard nicht angemessen.

Podien und ihre Wirksamkeit

Öffentliche Darbietungen des Erlernten könnten den erarbeiteten Leistungen der Kinder Foren eröffnen und damit auch Schüler ansprechen, die bisher aktives Musizieren in ihrem familiären Umfeld gar nicht kannten. An dieser Stelle sei auch darauf hingewiesen, dass im multikulturellen Klima an vielen unserer Schulen hochinteressante Begegnungen stattfinden dürften. Vielleicht greift dann bald ein deutscher Junge in die Saiten der Baglama, während sich ein türkisches Mädchen in Chopin verliebt ...

Wie ist das Modulsystem zu lesen?

Ein Beispiel, wie das Modulsystem zu lesen ist.

Es gliedert sich in drei Bereiche:

  1. den verpflichtenden Unterricht
  2. die Wahlpflichtmodule: das sind Module, die verpflichtend sind, wobei der Schüler bestimmen kann, wann er sie belegt, und Schule und Musikschule entscheiden, wann das Angebot sinnvoll ist.
  3. die Wahlmodule, die eine große Bandbreite umfassen und mit denen der Schüler einen bestimmten zeitlichen Rahmen frei füllen kann.

Ein IMBW-Schüler der ersten Grundschulklasse belegt demnach verpflichtend ganzjährig ½ Stunde Instrumentalunterricht, 1 Stunde regulären Musikunterricht, ½ Stunde Chor pro Woche. Er wählt ferner frei aus, während eines Halbjahres Rhythmik oder das Instrumentenkarussell zu jeweils ½ Stunde zu belegen. Eine weitere ½ Stunde pro Halbjahr belegt er das interkulturelle Instrumentenkarussell und eine zusätzliche ½ Stunde pro Halbjahr belegt er aus dem Pool der Wahlmodule. Bei Bedarf und Möglichkeit können diese Zeiten natürlich über den Wahlmodulbereich aufgestockt werden. Einige Module eignen sich auch zur kompakten Aufarbeitung beispielsweise an einem Probenwochenende. Unterricht erteilen Lehrer mit abgeschlossenem Studium; Instrumental- und Ensembleunterricht Lehrer mit pädagogischem und künstlerischem Abschluss; Chor, Komposition und Orchester Schulmusiker oder entsprechend ausgebildete Dirigenten, Musiktheoretiker oder Instrumental- pädagogen mit entsprechender Qualifikation.

Auswirkungen auf G8

IMBW würde auch im G8 helfen, Freiräume zu institutionalisieren. Unser Vorschlag, der sich jederzeit auf jeder Schule realisieren ließe, wäre beispielsweise ab der 8. Klasse den Musikzug zu intensivieren und dafür auf eine dritte Fremdsprache oder NWT (Naturwissenschaft und Technik) zu verzichten. Der dadurch gewonnene Freiraum für die Musik wäre erheblich, er entspräche in etwa dem Angebot des in Stuttgart neu etablierten Musikgymnasiums, wäre aber auch Schülern erreichbar, die außerhalb des Einzugsbereichs dieser Schule wohnen. Gleichwohl könnten auch diese Schüler jederzeit aus dem Musikprofil wieder aussteigen.

Win-win-Situation

Es ist völlig klar, dass alle Beteiligten von einem solchen flexiblen System enorm profitieren würden: Die Schulmusik könnte nicht nur das bisher Erreichte halten, sondern in den Bereichen, Chor, Orchester, Ensemble, Komposition etc. neue Kapazitäten aufbauen. Der geschützte Raum für die Musik und ihre Aufwertung würde mit Sicherheit der künstlerischen Arbeit weiteren Auftrieb geben. Die außerschulischen Pädagogen und Einrichtungen könnten sich in Ruhe auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Junge, talentierte Künstler und Pädagogen würden ein attraktives Arbeitsfeld erkennen.

Offenes System

Wer das Konzept des IMBW nun etwas studiert hat, kann sehen, dass unser Vorschlag letztlich ein offenes Organisationssystem ist, welches darauf angelegt ist, kreative Anregungen dynamisch einzubauen. Wir erhoffen uns in einem Diskussionsforum im Internet eine rege Diskussionsbeteiligung, siehe www.dtkv-bw.de/imbw.html.

Resonanz

Wir haben unser Konzept nicht nur in Freiburg beim Landeskongress Musik vorgestellt, sondern auch bei den bildungs-, kultur- und finanzpolitischen Sprechern der Grünen, Mutherem Aras, Manfred Kern, Sandra Boser, Thomas Poreski (Bildungsausschuss, Ausschuss Kultus, Jugend und Sport), Siegfried Lehmann (Ausschuss Wissenschaft, Forschung und Kunst, Ausschuss Kultus, Sport und Jugend), sowie bei Frau Gabi Rolland MdL und Christoph Bayer MdL von der SPD sowie beim Kultusministerium. Die Gespräche verliefen in einer äußerst positiven Atmosphäre. Was wir absolut bemerkenswert fanden, war die Feststellung, dass es einen vollständigen Konsens über die ungemein positiven Auswirkungen aktiven Musizierens auf die Entwicklung einer kreativen Persönlichkeitsentwicklung gibt wie von Schule allein nie erreicht werden kann.

Einwände, Hindernisse

Wenn dem aber so ist, sollten Schwierigkeiten und Hindernisse in einer gemeinsamen Anstrengung überwunden werden, die von manchen, aber keineswegs allen in Fragen der Benotung und der Versicherungssituation bei einem etwaigen Verlassen der Schule zum Besuch instrumentaler/vokaler Aktivitäten gesehen wurden. Bei der Benotung verweisen wir auf eine seit vielen Jahren gelingende Praxis in der Oberstufe mit Musikprofil. Auch in vielen anderen Bereichen fließen außerschulisch erworbene Leistungen längst auf vielfältige und bewährte Weise in die schulische Bewertung ein. Warum sollte dieses nicht auch ab der 1. Klasse Grundschule möglich sein. Ebenso gilt für die Versicherungsproblematik: Diese Probleme können gelöst werden, wenn man sie denn lösen will, etwa durch einen geringen zusätzlichen Beitrag, wie er beispielsweise für Fahrrad oder Musikinstrument schon heute im Rahmen der Schülerversicherung möglich ist.
Dass das politische Diktum, in der GTS keinen kostenpflichtigen Unterricht zu zu lassen, letztlich ein Zweiklassensystem zementiert, welches es im Grunde schon gibt, wurde bereits oben erläutert. Dieses System besteht jedoch vor allem in einer Diskrepanz zwischen bildungsorientierten Kreisen und jenen, die den Wert aktiven und qualitativ hochstehenden Musizierens noch nicht kennen. Finanzielle Chancenungleichheit spielt hier eine untergeordnete Rolle und darf in einem reichen Land wie Baden- Württemberg nicht zum Ausschluss von Kindern vom Instrumental- oder Vokalunterricht führen. Hier ist darauf zu verweisen, dass schon jetzt unzählige öffentliche Musikschulen Unterricht für sozial schwache Kinder nahezu zum Nulltarif anbieten. An einzelnen privaten Musikschulen werden mit Erfolg Umlagesysteme praktiziert nach dem Motto: Aus finanziellen Gründen darf keiner draußen bleiben.
An die Adresse der Politik geht hier das Signal, dass Probleme und Handlungsbedarf bis hin zu etwaigen Gesetzesänderungen angesichts der drohenden kulturellen Zerstörungen nicht zum Alibi für Nichtstun werden dürfen.

Ausblick

Der erfolgversprechendste Weg werden Modellschulen sein, also Bündnisse vor Ort. Musikschulleiter und Elternvertreter könnten gemeinsam an Ganztagesschulen und deren Träger herantreten und versuchen, gemäß dem vorgeschlagenen Modell Strukturen zu schaffen, die Kindern Freiräume für ihr Musizieren sichern. So könnte eine Bewegung „von unten“ entstehen, an der die „große Politik“ nicht vorbeikommt. Eltern werden Schulen, die ihren Kindern Möglichkeiten zur kreativen Entfaltung im Rahmen eines professionellen Bildungsangebotes eröffnen, den Vorzug geben. Ziel wäre es dann in einem nächsten Schritt, nicht bei Modellschulen zu bleiben und damit wenige Schüler zu privilegieren, sondern möglichst viele Schulen mit einzubeziehen. Modellprojekte dürfen auf keinen Fall zum Feigenblatt verkommen, wo sich unter dem Hinweis auf Erreichtes dann weitere Untätigkeit verbirgt.”
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