Wie baut man die Barrieren zur Hochkultur ab?

St. Pölten - Elisabeth Herzog-Schaffner - Bereits zum 47. Mal jährte sich die D-A-CH-Tagung des Deutschen Tonkünstlerverbandes (DTKV), der Arbeitsgemeinschaft Musikerziehung Österreich (AGMÖ) und des Schweizerischen Musikpädagogischen Verbands(SMPV). Die AGMÖ, die turnusgemäß die Tagung ausrichtete, lud vom 25. bis 27. November in das Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten, Niederösterreich, ein. Zehn Referenten aus den drei Ländern beleuchteten das Thema „Musikvermittlung im Klassenunterricht, im sozialen Umfeld und im öffentlichen Kulturraum“ aus verschiedenen Perspektiven.

  

   

 

Musikvermittlung hat in den letzten Jahren eine unerschöpfliche Bandbreite an Formaten und neuen Kooperationen in professionellen Kulturinstitutionen unter der Marke „Education-Arbeit“ hervorgebracht. Allen Ideen zu neuen Formaten der Musikvermittlung liegt gemeinsam die Frage zugrunde: Wie baut man die Barrieren zur Hochkultur ab?

Constanze Wimmer (A), vermittelte den Tagungsteilnehmern unter dem Referatstitel „Türöffner für den Konzertsaal – Musikvermittlungsprojekte als Teamwork zwischen Schulen und Kultureinrichtungen“, dass gerade junge Leute über neue Konzertformate angesprochen und begeistert werden können, um sie weiter an die klassische Musik heranzuführen. Vorrangiges Ziel ist es, praxisorientierte Kontexte zur Musik zu liefern, ob zur Komposition selbst, zur Kulturgeschichte der Zeit oder zu den Musikern und Komponisten, um auf diesem Weg neue Möglichkeiten der Zuhörens und Erlebens von Musik zu eröffnen. Partizipative Projekte richten sich gezielt an Schulen; in Workshops wird dann schon mal Mozarts Requiem gerappt. Als entscheidende Kriterien benannte Wimmer die Qualität der Organisation, des Vermittlungsprozesses und der Aufführung. Musikvermittlung sei ein Hybrid aus Konzertdramaturgie, Musikpädagogik und audience development und wolle Beziehungen zwischen Musik und Publikum stiften. Der Musikvermittler werde so zum Eier legenden Wollmilchschwein.

Stephan Schulmeistrat (D) stellte das Deutsche Musikinformationszentrum (MIZ) vor, die zentrale Informationseinrichtung zum Thema Musik und Musikleben in Deutschland. Das MIZ dokumentiert Trends, Strukturinformationen und Entwicklungen, erfasst aktuelle Daten und Fakten und stellt unter www.miz.org Hintergrundinformationen zu zentralen Feldern der Musikkultur bereit. Dabei reicht das Spektrum von der musikalischen Bildung und Ausbildung über das Laienmusizieren, die Musikförderung und die professionelle Musikausübung bis hin zu den Medien und der Musikwirtschaft. Neu aufgebaut wird gerade das Portal „Musik macht Heimat“. Hier werden ausgewählte Projekte und Initiativen zum Thema Musik und Flüchtlinge dargestellt. Musik vermittelt zwischen Kulturen: Mit dieser Darstellung sollen die Solidarität und Hilfsbereitschaft der Akteure des Musiklebens sichtbar gemacht und Anregungen für die Initiierung neuer Initiativen gegeben werden.

 

Kooperationen bieten Chancen

Sylwia Zytynska (CH) präsentierte „gare des enfants“, eine Kinderbühne: Eine Schulklasse erarbeitet zwei Wochen lang zusammen mit Studenten der Musikhochschule Basel Aufführungen zu bestimmten Werken und Themen. Immer auf der Suche nach neuen Formen von Kinderkonzerten, experimentiert die gelernte Schlagzeugerin Zytynska vor allem mit Klängen.
Bernhard Gritsch und Magdalena Steinmayr (A) setzen auf Musikvermittlung in außergewöhnlichen Kooperationen. „B9– Beethoven für alle“ beispielsweise ist ein Musikvermittlungsprojekt in Kooperation von Oper Graz, Kunstuniversität Graz und mehreren Grazer Schulen: Lehrende und Studierende des Instituts für Musikpädagogik (IMPG) an der Kunstuniversität Graz, Mentor/-innen und über 150 Schüler/-innen an sechs Grazer Gymnasien sowie Expert/-innen unterschiedlichster Fachbereiche des Opernhauses Graz komponieren und entwickeln über Monate hinweg eine individuelle Übersetzung von Beethovens 9. Sinfonie ins Heute. Angeleitet von Studierenden des IMPG versuchen die Schüler im regulären Musikunterricht einen persönlichen Zugang zu Beethovens Neunter zu finden und diesem in Form verschiedenster Bühnenbeiträge in Gruppen (Tanz, Bildende Kunst, Schauspiel, Gesang, Bodypercussion, multimediale Umsetzung etc.) Ausdruck zu verleihen.

Unter dem Titel „Musikvermittlung im Spannungsfeld musikpädagogischer Instanzen“ führte Birgit Jank (D) Stärken und Grenzen der vier Musikvermittlungsinstanzen Schule, Konzerthäuser, Freie/Private Musikpädagogen und Musikvermittlung im sozialen Raum den Tagungsteilnehmern vor Augen und setzte sie zueinander in Beziehung. Spannungsfelder, so Jank, ergäben sich aus der Akzeptanz, dem Renommee und der öffentlichen Förderung bzw. Finanzierung der Instanzen, die z. T. in Konkurrenz zueinander stehen. Im schulischen Musikunterricht liegt der Schwerpunkt auf dem systematischen Lernen, der Lehrplan ist vorgegeben. Die Chance besteht darin, alle erreichen zu können, und die Ganztagsschule bietet auch Chancen für die Musikvermittlung, weil neue Formate und gezielte Kooperationen Nachhaltigkeit bewirken können. Konzerthäuser vermitteln außerordentliche Einzelerlebnisse, die aber weniger nachhaltig wirken. Die Freien/Privaten Musikpädagogen (FMP) spielen in den Städten und Gemeinden durch ihre qualitativ hochwertige Musikvermittlung eine immer größere Rolle, sind aber durch den Zwang eingeschränkt, ihr tägliches Einkommen erwirtschaften zu müssen. Musikvermittlung im sozialen Raum soll die Hochkultur für Randgruppen öffnen.

Für die Ausbildungsträger heißt das: Es müssen Fachleute in akkreditierten Bachelor-Studiengängen mit den entsprechenden Qualifikationen für Musikvermittlung auf den Feldern Sprache, Musik, Bewegung ausgebildet werden. Die Ausbildung sollte im Rahmen eines dualen Systems erfolgen. Musikvermittlung soll beitragen zur Inklusion, Partizipation und Integration, und an den großen Konzerthäusern muss es eine Verstetigung von Konzertvermittlungsformaten geben. So können neue Berufsfelder entstehen. Die Anerkennung für derartige Berufe muss in der Gesellschaft etabliert und Musikvermittlung als wichtiger Ort kultureller Bildung politisch definiert werden. Darüber hinaus braucht Musikvermittlung eigene Qualitätsmerkmale und Zielstellungen.

 

Verbinden statt ausgrenzen

Carolin Bauer (CH) präsentierte die Musikvermittlung der Tonhalle-Gesellschaft Zürich mit dem Anspruch einer Weitergabe des Kulturguts Musik an alle sozialen Schichten. Leitlinien sind dabei zum einen die innovative und konstante Erfüllung des Bildungsauftrags für das (zukünftige) Publikum aller Altersstufen und zum anderen die Ermöglichung des Austauschs zwischen dem Künstlernachwuchs und den professionellen Musikern und Managern. Im Fokus steht der aktive Austausch der Menschen untereinander, zwischen Mensch und Musik, Musik und Musikern, Publikum, Instrumenten und Formaten. Die Neugewinnung und Bindung von Publikum erfordert besondere Formate v. a. im Bereich Neue Musik, etwa Kindermatineen und Familienkonzerte, das Grundschulprojekt „Das Tonhalle-Orchester erleben“, das Education-Projekt mit dem Konservatorium Zürich im Sinne von Musikerpatenschaften für Streich- und Bläserklassen oder Schülermanager und Schülerteam: Ca. neun 16- bis 17-jährige Gymnasiasten oder Berufsschüler verstärken das Tonhalle-Team in den verschiedenen Bereichen und planen selbständig ein Konzert.

Axel Petri-Preis (A) stellte drei Projekttypen im Rahmen von „Community Dance“ in Wien vor. Bei „Community Dance“ oder Tanz für alle geht es darum, einer sozial bzw. kulturell definierten Gruppe – meist ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen – einen Zugang zu Tanz zu ermöglichen. Integration kann, aber muss nicht unbedingt ein Thema sein. Bei den vorgestellten Projekten setzen sich die Gruppen unterschiedlich zusammen: beim ersten aus 10- bis 13-jährigen Schülern, beim zweiten aus Schülern dieser Altersgruppe und mehrfach schwer körperlich oder geistig behinderten Menschen und beim dritten aus Schülern, behinderten Menschen und erwachsenen Laien. Diese Gruppen proben jeweils ca. zehn Wochen zusammen mit professionellen Künstlern verschiedener Sparten und treten anschließend auf. Die Choreographien sind größtenteils vorgegeben, werden jedoch improvisiert und weiterentwickelt, als musikalische Basis verwendet Petri-Preis zeitgenössische Musik. So können die Teilnehmer über den Tanz an zeitgenössische Formen der Musik herangeführt werden. Als Themen wählt Petri-Preis z.B. „Flucht und Asyl“ oder „Held/-innen des Alltags“. Ziel ist es, Emotionen zu wecken und zu transportieren, sich selbst und andere besser kennen zu lernen und offen und neugierig auf andere zuzugehen.

Carl Parma (D) betrachtete den Musikunterricht an der allgemeinbildenden Schule hinsichtlich seiner Aufgaben, Probleme und Perspektiven. Musikunterricht bietet als verpflichtender Teil des Fächerkanons die Möglichkeit einer systematischen und von der Herkunft unabhängigen Begegnung mit Musik. Musik als Unterrichtsfach hat außerdem das musikalische Gestalten, den Aufbau musikalischer Fähigkeiten und die Erschließung von Kultur zur Aufgabe. Durch das Musizieren, das „Tun“ am Instrument erlernen die Schüler aus dem Kontext musikalische Grundbegriffe. Als Stärken von Vermittlungsprojekten sieht Parma die Vor-Ort-Begegnung im authentischen Umfeld mit professionellen Musikern, den Abbau von Schwellenängsten vor Kulturinstitutionen und die Erfahrung der Vielfältigkeit von Kultur. Er nannte als Bedingungen für ein Gelingen von Vermittlungsprojekten: Kooperation multiprofessioneller Teams auf Augenhöhe, Feldkompetenz in den jeweiligen Bereichen und pädagogisch-didaktisches Interesse.

Dieter Bucher (A) berichtete über seine Arbeit im Bereich der Elementaren Musikpädagogik, von Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Mit oft minimalen Mitteln und Ausdrucksformen treten diese Menschen in eine musikalische, soziale und emotionale Interaktion. Der pädagogische Ansatz steht unter dem Zeichen „gemeinsam auf Augenhöhe“, „füreinander spielen“ und „nicht ständig loben“.

Cristina Hospenthal (CH) stellte in ihrem Vortrag „Klassenmusizieren: Quantität statt Qualität?“ fest, das in der Schweiz Klassenmusizieren an den allgemeinbildenden Schulen nach wie vor boomt. Dabei wird nach unterschiedlichsten, auf Bedürfnisse und Möglichkeiten zugeschnittenen Modellen gearbeitet, was die Definition verbindlicher Qualitätsstandards erschwert. Zudem erhalten außermusikalische Zielsetzungen größere Gewichtung. Laut einer Umfrage stehen als Werte die Erfahrung des gemeinsamen Musikzierens, die Förderung der Sozialkompetenz, die Stärkung des Selbstwertgefühls und die allgemeine kulturelle Teilhabe an oberster Stelle. Im Mittelfeld bewegen sich die Chance zum Erlernen eines Instruments, die Förderung der Klassengemeinschaft, die Förderung der Schulkultur und die Integration von Schüler/-innen mit Migrationshintergrund. Erst zum Schluss kommen die Rekrutierung von Schüler/-innen für den Instrumentalunterricht und für Musikvereine.

Inzwischen wird immer häufiger kritisiert, dass zu viel in Klassenmusizieren statt in den Einzelunterricht investiert werde – Quantität gehe vor Qualität. In einem umfassenden Verständnis des musikalischen Bildungsauftrags braucht es jedoch beide Unterrichtsformen, die sich gegenseitig nicht ausschließen, sondern ergänzen. Für das Klassenmusizieren sind allerdings geeignete Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen und Coaching notwendig, genügend Unterrichtswochenstunden und die notwendige Infrastruktur bzw. Instrumente. Nachhaltigkeit kann nur durch bezahlbare Angebote, Planungssicherheit und v. a. politischen Rückhalt erreicht werden.

Das dicht gedrängte Tagungsprogramm wurde an den Abenden durch einen Empfang im Landhaus von Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll, eine Stadtführung und einen Empfang im Rathaus von Bürgermeister Mag. Mathias Stadler in geselliger Runde und guten Gesprächen ergänzt.

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